Zwischen Playboy und Gott.

Mexiko ist anders. Anders als Südamerika, anders als Europa auf jeden Fall und wahrscheinlich auch anders als ich es mir vorgestellt hatte. Dann wiederum hatte ich mir ja auch gar nicht so viel darunter vorgestellt.

Überhaupt wusste ich nicht viel über das Land. Beziehungsweise nicht viel mehr als die Medien berichten und ich in mehr oder weniger profunden Internetsucheskapaden herausgefunden hatte. Vor vier oder fünf Jahren kam mir das Land in den Sinn. Ohne tieferen Grund wusste ich, "dort will ich einmal hin". Ob es Schicksal war? Oder nur eine Eingebung meines mit Informationen überfluteten Gehirns? Wohl eher Zweiteres. Und dennoch. Mexiko hatte mich seither in den Bann gezogen. Warum? Weiß ich nicht.

Und das war auch mein erster Gedanke hier: Ich weiß nicht, warum ich unbedingt hier her wollte. Ich weiß nicht, was mich hier her getrieben hat. Was ich hier erfahren oder lernen soll. Aber dann wiederum weiß ich auch gar nicht, ob ich an so Schicksals-Gedöns überhaupt glaube. Vielleicht habe ich mir gedacht hier ist es schön, und das ist es auf jeden Fall. Mexiko ist wahnsinnig spannend, groß, und so viel Natur. Jedes Mal wenn ich aus der Stadt raus fahre bin ich wieder aufs Neue erstaunt, wie grün dieses Land doch ist. Und auch innerhalb der Stadt. Ganz besonders Mexiko-Stadt hat mich in den Bann gezogen. So viel Dreck und Schönheit auf einmal. Die Parks sehen aus wie Urwälder und überall ist Kunst und Grünzeug. Natürlich nicht in allen Ecken. Aber genau diese Ambivalenz und Vielfalt hat es mir angetan.

Der Gipfel der Welt I, Tepoztlán, Mexiko
Dann fährt man in ein Dorf und es ist so, wie typische Dörfer in Südamerika für mich damals auch aussahen. Hühner hier und da, viele Hunde, viel grün, flache Häuser, viel Landwirtschaft und Restaurants im Wohnzimmer. Wir steigen den Berg zu einer Ruine hinauf, denn die gibt es hier auch ganz viel. Wir wandern und steigen mit vielen Touristen. Ich bewundere ein paar Menschen mit Absatzschuhen, wie sie all die Stufen und den feuchten Stein damit erklimmen. Bei den Ruinen angekommen teilen wir uns den Platz mit vielen. Kinder klettern die knapp unter 90° steilen Treppen hoch. Am Absatz mit der besten Aussicht tümmeln sich die Menschen, ringen um einen Platz am Tisch der schönen Weitsicht.

Wir gehen dann noch weiter hoch, immer steiler, das Klettern löst das Wandern ab, der Wanderweg kaum noch erkennbar. Wir gehen mehr nach Gefühl, der Höhe nach, als dass wir irgendeinem vorgestampftem Pfad folgen. Am Ende treffen wir auf einen Spalt zwischen zwei Felsen, am Ende des Spalts ein Seil. Da soll ich also hoch. Ich blicke andächtig den Fels empor, das Seil wie das letzte Level eines Browser-Spiels. Herausfordernd schwenkt es hin und her, während die Person vor mir das Spiel für sich zu Ende bringt. Ich denke an mein letztes Schuljahr, als ich Bouldern als Sport ausgewählt hatte. Wie ich Wände entlang, aber ganz selten höher als drei Meter raufgeklettert bin. Ich denke an meine Kindheit, an meine Familiengeschichte von Kletterern, einer davon starb, er ist eine Schlucht hinuntergefallen. Ich habe ihn nie kennengelernt. Ich denke daran, wie die Freundinnen meines Onkels früher auf dem Dachboden meiner Großeltern die ganze Decke - bestückt mit Bouldern - entlang geklettert sind. Und wie ich ganz selten geklettert und viel lieber auf dem Matratzenmeer herumgesprungen bin, das den Kletternden als Abfederung ihres nicht sehr tiefen Falls galt, sich jedoch ausgezeichnet zum Austoben für Kinder anbot.

Das Seil schwenkt immer noch vor mir her. Die Freundin hat es fast nach oben geschafft. Ich bin dran. Ich nehme das Seil in beide Hände und mache den ersten Schritt. Und dann den zweiten und dritten und sind wir mal ehrlich, so hoch ist es auch nicht. Und dann geht das auch irgendwie, denn ich will auch nicht einfach nur den Berg wieder runter gehen. Ich will oben sein. Und so hieve ich mich weiter hoch und ganz oben bin ich dann am Gipfel der Welt, so wie es aussieht.

Der Gipfel der Welt II, Tepoztlán, Mexiko
Es ist so wunderschön hier oben, lange nicht war ich am Gipfel eines Berges, auf so einer Empore. Ich überblicke alles, das ganze Gebirge und die Dörfer darunter. Alles. Und es fühlt sich so an, als hätte ich einen Platz auf dieser Welt. Euphorie liegt in der Luft. Vielleicht ist es aber auch einfach die frische Luft, die mich so wuschig macht. Ich denke mir, dass ich öfter auf Berge gehen sollte und merke, wie ich mich hier zuhause fühle. Erinnert an all die Übernachtungen auf der Alm, tagsüber in den Wäldern und Flüssen umherlaufen, abends im Kerzenlicht Karten spielen. Stockbrot, Grill und Lagerfeuer. Taschenlampenlicht. Schlafsackschlaf und Matratzenlager. Kindheit. Sorgenfrei. Das alles geht mir durch den Kopf, als ich durch die Sträucher streiche und über Steine klettere.

Berge sehen auch am anderen Ufer des Atlantiks so aus wie zuhause. Heimatlich. Und ich merke zum ersten Mal, wie sehr ich Bergen verbunden bin, wie viel mir das alles gibt. Dachte ich doch immer das Meer wäre mir näher, merke ich nun ein Gleichgewicht der Elemente in meinem Herzen. Berge und Wasser waren eben schon immer beide in mir verwurzelt. Oder ich in ihnen.
Ich verzögere den Abschied so lange es geht, will diesen Ort des Glücks noch nicht hinter mir lassen, noch nicht als Erinnerung einspeichern. Will gerade noch ein wenig bei ihm bleiben. Will im Moment verweilen.

Mit der Euphorie auf den Schultern geht der Abstieg wie im Flug, mit viel Gelächter und Witz. Die Luft wird wieder feuchter, der Lärmpegel hebt sich, die Menschen werden mehr. Wir sind wieder unten angekommen. Ich fühle mich gut.

Später werden wir von der Regenzeit heimgesucht, die Straßen werden zu Flüssen, gerade als wir die Abendstimmung des Dorfes fühlen wollten. Alle Menschen suchen Zuflucht unter den Dächern der Restaurants und Bars. Wir finden noch eine Pizzeria, die die beste Pizza mit frischem Gemüse zubereitet und essen im Eingang des Lokals auf den Stufen. In einer Bar im zweiten Stock, aus der Rock´n Roll aus den 80ern ertönt bestellen wir einen Mojito, so gemacht, wie Hemingway ihn getrunken hat. Ich weiß nicht, was das bedeuten soll, kann Hemingway aber nur gedanklich zuprosten. Berauschtes Gerede auf der Dachterrasse des Hostels, der Schlaf ist tief. Am nächsten Tag liegt der Zauber noch in der Luft. Ich will ihn bei mir behalten, will so lange es geht diese Schönheit in mir tragen.

Zurück in der Stadt ist es wieder so unendlich laut. So viel Verkehr. Weniger Sicherheitsgefühl. Die Busfahrten irgendwie anstrengend. Das ständige stop-and-go geht mir auf die Nerven. Und es kommt alles in Wellen. An manchen Tagen fühle ich mich so unendlich gut und als wäre ich angekommen. An anderen ertappe ich mich beim Abzählen, wie lange ich denn noch hier sein werde. Und das ist ok. Es kann nicht immer alles rosig sein. Manchmal muss ich mich daran erinnern, dass ich damals in Peru auch eine Weile gebraucht habe, um dort anzukommen, wo ich mich wohlfühlte. Und am Ende wollte ich nicht mehr weg. Ich hätte ewig dieses Leben leben können. Noch heute denke ich an die Frage, die mir mein Chef damals stellte, als ich ihm erzählte, dass ich gar nicht weg will: "Und warum bleibst du dann nicht einfach hier?" Ja, warum bin ich nicht geblieben? Warum nicht da bleiben, wo ich so unendlich glücklich bin, dass ich noch jahrelang diesen Erfahrungen nachschmachten werde?

Rational betrachtet muss ich sagen, dass mich damals eine Freundin besuchte, wir wollten gemeinsam reisen. Außerdem hatte mich die Uni meiner Träume angenommen. Aber dennoch: wenn man an einem Ort so unendlich glücklich ist, warum dann nicht bleiben?

Der Gipfel der Welt III, Tepoztlán, Mexiko
Ich habe wohl gemerkt, dass das alles nur der Anfang einer langen Reise der Wiederselbstfindung wird. Und über zwei Jahre später bin ich immer noch dabei, mich zu suchen und wiederherzustellen. Zehn Jahre Trauer und Passivität gehen nicht von alleine weg. Und nun bin ich in Mexiko. Immer noch nicht sicher, warum ich mich auf dieses Land so versteift hatte. Es fällt mir wie überall und jedesmal schwer, Anschluss zu finden. 'Meine Leute' zu finden. Und ich vermisse Den Haag beziehungsweise die Niederlande. Aber vor allem vermisse ich meine Freundinnen. Und ich frage mich, ob ich hier noch ankomme, bevor ich schon wieder weg muss.

An solchen Tagen lese ich mir das Kursverzeichnis meiner Heim-Uni durch und plane mein letztes Semester dort. Ich schaue mir Bilder von Amsterdam an und suche exzessiv den Kontakt zu meinem vermeintlich inneren Kreis. Dann folgt der nächste Tag und ich unterhalte mich gut mit meinen Kommilitoninnen, lache viel und esse gut. Dann fühle ich mich hier so pudelwohl und denke mir, dass es doch noch klappt, dass ich hier beim Abschied weinen werde.

Und so halten sich die Stimmungen die Waage. An manchen Tagen stürze ich mich in Vergangenheit und Zukunft und an anderen schaffe ich es, ganz hier und bei mir zu sein. Für den Moment ist das genug. Dann sitze ich mit meiner Musik in den Ohren im Bus, lache über den Playboy Aufkleber gleich neben einem Zitat über Gott und nicht mal das Rumpeln der Strasse stört mich. Ich lächle und schaue aus dem Fenster. Es fühlt sich gut an.


Dieser Text ist im Generischen Femininum verfasst, FINTA* Personen und Männer sind mitgedacht. 

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